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mephisto 97.6
Do, 11. März 2010
Neue Reinecke-Büste für das Gewandhaus
Im Gewandhaus steht wieder eine Büste des ehemaligen Kapellmeister Carl Reinecke.
Reinecke war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Kapellmeister am Gewandhaus. Er war 35 Jahre und damit länger als jeder andere im Amt. Nach Angaben des Gewandhauses ist die Büste ein Geschenk der Nachfahren Reineckes. Sie ist ein Nachguss des Originals von Carl Seffner. Die Büste stand seit 1904 im damaligen Gewandhaus. Im Zweiten Weltkrieg ging sie verloren. Der Entwurf blieb jedoch im Stadtgeschichtlichen Museum erhalten. Ein weiterer Nachguss der Büste geht an die Leipziger Musikhochschule Felix Mendelsohn-Bartholdy. Dort
lehrte Reinecke Komposition und Klavier.
LVZ, 09.03.2010
Kompositionslehrer der Welt mit Sitz in Leipzig
Vor 100 Jahren starb der Komponist Carl Reinecke
Morgen vor 100 Jahren starb in Leipzig der Dirigent, Komponist, Pianist und
Pädagoge Carl Reinecke. 35 Jahre lang, von 1860 bis 1895, war er Gewandhauskapeilmelster. Und as Hochschulprofessor wurde er der Kompositionslehrer Europas und der Neuen Welt.
Von PETER KORFMACHER
Cart Reinecke: Hätte ich damals ahnen können, daß ich 35 Jahre in dieser Stellung verharren würde, die längste Zeit, die je einer in ihr verblieb, wäre ich mit weniger Banden nach Leipzig übergesiedelt.
"Ich würde nicht dagegen opponieren, wenn man mich einen Epigonen nennt", gab Carl Reinecke zu Protokoll, als er schon angekommen war im Herzen der Romantik, in Leipzig, wo er nach Stationen in Kopenhagen, Bremen, Barmen, Köln, Breslau 1860 Julius Rietz als Gewandhauskapeilmeister beerbt hatte, wo er als Lehrer eine ganze Generation prägte. Und wahrscheinlich hat nach Mendelssohn, der in seinem kurzen Leben Leipzigs Weltruf als Musikstadt begründete, niemand das hiesige Musikleben so entscheidend mitgestaltet wie der 1824 in Barmen geborene Reinecke.
1824 geboren, 1910 gestorben - was für Lebensdaten! Als Reinecke am 23. Juni 1824 das Licht der Welt erblickte, bereitete Beethoven in Wien gerade die Uraufführung seiner Neunten vor. Als er am 10. März 1910 in Leipzig starb, standen Puccini und Strauss auf der Höhe Ihres Ruhms, hatte lung verharren würde Schönberg bereits angefangen, die Musikwelt aus den Angeln zu heben, hatte Strawinsky die ersten epochalen Skandale hinter sich gebracht. Dazwischen lag die große Zeit der Romantik, lag das Schaffen Mendelssohns, den der junge Reinecke schätzte und verehrte, dem er sein Gewandhaus-Debüt als Pianist verdankte, lag das Schaffen Schumanns, der zu Reineckes Säulenheiligen zählte, wirkte Brahms, dem Reinecke immer wieder zu Aufführungen verhalf, wirkten Berlioz, Wagner Liszt, mit deren Modernität er nichts anzufangen wusste.
Mozart, Haydn, Beethoven - das war der Humus, Mendelssohn und Schumann waren der Dünger. Hier hinein trieb Reinecke die Wurzeln seines Schaffens, das die Nachwelt gern als gediegen bis professoral bis harmlos abzutun geneigt ist. Tatsächlich blieben dem Komponisten die exaltierten Wallungen der Liszt-Schule zeitlebens fremd. Tatsächlich hat es auch mit seinem Wirken am Pult des Gewandhausorchesters zu tun, dass Leipzigs Musikleben im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts vom Laboratorium in den Ehrenhain wechselte. Und in seinem Reinecke-Nachruf schrieb der Fortschrittler Walter Niemann: "Man wird die Überzeugungstreue ehren, die ihn früh seine formalistisch-klassizistischen Ideale mit einem Zuschuß maßvoller Romantik finden und unbeirrt festhalten ließ. Zum Unheile Leipzigs, das in allem Wesenthchen den Anschluß an die neue Kunst zugunsten Münchens, Stuttgarts und Berlins versäumte, trotz Nikisch sind die Folgen dieses Regimes noch heute nicht abgewendet." Doch war auch dies seinerzeit gewissermaßen Moderne. Denn was mit Mendelssohn begonnen hatte, verfestigte sich am Ende des Jahrhunderts, der Paradigmenwechsel im Konzertbetrieb, mit dem der Fokus sich von der zeitgenössischen zur historischen Musik verschob.
Dennoch war die Zeit nach 35 Jahren, so lange hielt sich niemand zuvor noch danach am Pult des Gewandhausorchesters, reif für den Wechsel. Und so unschön die Begleitumstände gewesen sein mögen, unter denen man den 70-Jährigen aus dem Amt drängte: Es wurde höchste Zeit für den Pult-Titanen Nikisch. Die Welt brauchte nun Halbgötter, die Zeit des gewissenhaft arbeitenden, bescheidenen Onkel Reinecke war abgelaufen.
Als Lehrer allerdings blieb er gefragt, und die Liste seiner Schüler liest sich mehr als eindrucksvoll: Grieg ist wohl der wichtigste, Max Bruch kaum weniger bedeutend, Arthur Sullivans Operetten wurzeln in der Leipziger Tradition, Leos Janácek holte sich bei Ihm das handwerkliche Rüstzeug, Christian Sindings ',Frühlingsrauschen" ist ohne Reinecke nicht denkbar, Isaac Athéniz' Spanien profitiert vom sauberen Satz, den er an der Pleiße studierte, Frederick Delius lernte bei Reinecke, Charles Villiers Stanford, George Chadwick, Felix Weingartner, Hermann Suter, Sigfrid Karg-Elert, auch Hugo Riemann, der Vater der modernen Musikwissenschaft.
Sie alle zogen aus Leipzig in die Welt Sie alle trugen dazu bei, dass Reineckes überaus zahlreiche Werke in Skandinavien, in Großbritannien, in Übersee durchaus regelmäßig gespielt werden. Zumindest seine Sinfonien, die Konzerte, die Kammer- und Klaviermusik. Seine Opern sind leider weltweit von den Spielplänen verschwunden, was im Falle etwa des "König Manfred" sicher eher am einfältigen Libretto liegt, als an der edel glühenden Musik. Die lohnte durchaus wieder die Beschäftigung, wovon die Ouvertüre einen Eindruck gibt, die sein Gewandhausorchester am Donnerstag und Freitag im Großen Concert zu seinen Ehren spielt.
@ w.carl-reinecke.de
Morgen, 10 Uhr, Südfriedhof: Kranzniederlegung am Grab von Carl Reinecke Treffpunkt 9.45 Uhr Westtor; 20 Uhr, Alte Handelsbörse: Festveranstaltung, Vortrag von Doris Mundus, Dietmar Burkhard liest aus Reineckes Autobiographie, Werke von Carl Reinecke (Karten 7/5 Euro an der Abendkasse)
11. März, 18.30 Uhr, Gewandhaus, Hauptfoyer: Enthüllung der Reinecke-Büste
11.112. März, 20 Uhr, Gewandhaus: Großes
Concert zum 100. Todestag; Gewandhausorchester, Werke von Haydn, Reinecke, Mendelssohn (Restkarten: Abendkasse)
14. März, 18 Uhr, Gewandhaus: Kammermusik zum 100. Todestag; Gewandhaus-Quartett; Werke von Mozart, Reinecke, Bruckner
10. April, 20 Uhr, Altes Rathaus: Rathauskonzert zum 100. Todestag: Lieder, Klavier- und Kammermusik (Karten: 0341 141414)
11. April, 19.30 Uhr, Hochschule für Musik und Theater Leipzig, Großer Saal: Viola plus
Konzert zum 100. Todestag; Tatjana Masurenko, Vogler Quartett, Werke von Reinecke und Bruckner
16.-18. April, Hochschule für Musik und Theater, Kammermusiksaal: Internationales
Symposium zum 100. Todestag Carl Reineckes
Reinecke-Büste im Gewandhaus zurück (Pressemeldung des Gewandhauses, März 2010)
Am 10. März 1910 starb Carl Reinecke in Leipzig.
Kein anderer Gewandhauskapellmeister war so lange im Amt wie Reinecke: Volle 35 Jahre, von 1860 bis 1895 dirigierte er das Orchester. Darüber hinaus wurde er in ganz Europa als Komponist, Pianist und Musikpädagoge geschätzt. Nach seinem Tod im Jahre 1910 wurde es rasch still um Reinecke.
Sein Ururenkel, Stefan Schönknecht, leitet heute das Künstlerische Betriebsbüro der Leipziger Hochschule für Musik und Theater. Er macht sich stark dafür, dass Carl Reinecke auch heutigen Musikern und Musikliebhabern im Gedächtnis bleibt (www.carl-reinecke.de).
Schönknecht, seine Mutter Rose Schönknecht und Schwester Sabine Zschockelt haben dem Gewandhaus nun eine Porträtbüste von Carl Reinecke geschenkt.
Es ist ein Nachguss des Originals von Carl Seffner, der die Büste 1904 zum 80. Geburtstag Reineckes für das Gewandhaus geschaffen hatte.
Die Originalbüste ist zwar verschollen, doch hat sich das Gussmodell im stadtgeschichtlichen Museum erhalten. Reineckes Nachfahren haben das Modell nun abformen und zwei Exemplare nachgießen lassen. Eines davon erhält die Leipziger Musikhochschule, an der Reinecke 40 Jahre lang lehrte.
LVZ, 13.03.2010
Programmatisches Feigenblatt
Große Cellistin im Großen Concert mit zum 100. Todestag Carl Reineckes
Hell ist ihr Ton, ungeheuer variabel und gleichsam von innen leuchtend. Genau richtig mithin für die edlen Linien von Edward Elgars Cello-Konzert. Marie-Elisabeth Hecker, 22-jährige Ausnahme-Begabung aus Zwickau nimmt die Effekte des ohnehin uneitlen Konzerts noch weiter zurück, entwickelt die dunkle Glut Elgars ausschließlich von der Linie aus, findet im Adagio zu entrückter Schönheit und scheint selbst im quirligen Finale mehr auf die melancholischen Zwischentöne aus. Keine Frage: Sie setzt die Glanzlichter in den Großen Concerten der Woche.
Dabei müsste doch eigentlich Carl Reinecke im Zentrum stehen. Am Donnerstag jährte sich der Todestag des Dirigenten, Komponisten, Pianisten. Pädagogen, der 35 Jahre lang Gewandhauskapellmeister war, zum 100. Male. Grund genug, im Foyer wieder eine Büste aufzustellen und Grund genug das Konzert wohlklingend dem Jubiläum zu widmen.
Doch dies überdeckt nur notdürftig das schamvoll angeheftete programmatische Feigenblatt: Reineckes Ouvertüre zur Oper „König Manfred“ eröffnet die zweite Halbzeit, das einzige halbwegs populäre Orchesterwerk aus seiner Feder. Dabei gäbe es in seinem großen Werk so viel Sinfonisches zu entdecken. Ein Ärgernis.
Nun gut: Haydns Sinfonie mit dem Paukenschlag am Anfang und Mendelssohns Erste am Ende des Abends mögen immerhin für
LVZ, 15.04.2010
Gutmütiger und bescheidener Musiker
Hochschule veranstaltet am Wochenende Symposium und Konzerte zum 100. Todestag Carl Reineckes
Leipzig, Sommer 1860: Ein Unwetter geht über der Stadt nieder. Hagelkörner erreichen die Größe von Hühnereiern. Baume sind innerhalb kürzester Zeit kahl. Tote Pferde und Hunde liegen auf den Straßen - und mitten in diesem Chaos steht ein 36-jähriger Musiker, der gerade sein neues Zuhause bezieht, die zweite Etage der damaligen Promenadenstraße 15: Carl Reinecke.
Geboren 1824 in Altona ist er nach zwei Leipzig-Aufenthalten 1843-1846 und 1848/49 sowie den Lebensstationen Bremen, Köln, Barmen und Breslau zum Gewandhauskapellmeister berufen worden. Als er den Vertrag unterschreibt, ahnt er es freilich nicht: 35 Jahre lang, bis 1895, sollte er in diesem Amt verbleiben - so lange wie an jenem Pult kein Dirigent vor oder nach ihm. Im Laufe seines Lebens macht er sich über Europa hinaus auch als Pianist, Komponist, Musikpädagoge und Musikschriftsteller einen Namen. Trotzdem verschwindet er nur wenige Jahrzehnte nach, seinem Tod fast völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein.
Leipzig; 10. März 2010: 100 Jahre ist es her, dass Reinecke in seinem letzten Zuhause, Querstraße 14, starb. Grund genug also, an den gutmütigen und bescheidenen Musiker zu erinnern. Mit Vorträgen, einer Kranzniederlegung an Reineckes Grab auf dem Südfriedhof, mit Konzerten und der Enthüllung einer Büste im Gewandhaus, die die Familie des in Leipzig lebenden Ururenkels Stefan Schönknecht Reineckes langjähriger Wirkungsstätte schenkt, wird in der Messestadt wieder etwas in Sachen Carl Reinecke getan. Leipzig, April 2010: Die Aktivitäten gehen weiter. Es finden Reinecke- Konzerte auch beim MDR und in der Hochschule für Musik und Theater statt. Doch das Konservatorium, wo Reinecke bis 1902 lehrte, hält nun noch eine Premiere parat: Von morgen bis Sonntag wird im Kammermusiksaal, Grassistraße 8, zum Internationalen ReineckeSymposium geladen. 14 Referenten aus Deutschland, Taiwan, Dänemark und den USA werden erwartet. Ziel ist es, Reineckes Schaffen aus möglichst vielen Perspektiven zu beleuchten. So wird es sowohl um seine mit zahlreichen Erschwernissen gespickte Tätigkeit am Leipziger Gewandhaus gehen, als auch um seine Kompositionen, um jüngst erschienene Notenausgaben und die Problematik eines Reinecke-Werkverzeichnisses. Interessante Einblicke versprechen auch die Referate zu seinen Verbindungen mit anderen Musikern wie Clara Schumann, Niels Gade, Joseph Joachim oder Hans von Bülow. Zum Tagungsprogramm zählen überdies zwei Konzerte mit Reinecke-Werken am Freitag und Samstag (jeweils 19.30 Uhr) sowie der Besuch der Grabstätte auf dem Südfriedhof.
Nachdem seit einigen Tagen in der Hochschule schon vier Ausstellungstafeln zum Leben und Werk des Jubilars zu sehen sind, wird zu Beginn des Symposiums eine weitere Reinecke-Büste enthüllt, die - wie das jüngst im Nikisch-Eck des Gewandhauses aufgestellte Exemplar - ein Nachguss ist: Als Modell diente jene Bronze-Büste, die Carl Seffner 1904 zum des 70. Geburtstag Reineckes anfertigte, die aber seit Ende des Zweiten Weltkrieges als verschollen gilt.
Kathrin Schmidinger
@ Symposiums- und Konzertprogramme unter www.carl-reinecke-de und www.hmt-leipzig.de; der Eintritt ist frei
MITTELDEUTSCHE ZEITUNG 20.04.2010
KAMMERKONZERT
Pianistin zeigt sich als guter Ersatz
Publikum erlebt einen emotionalen Vortrag.
LUBAST/MZ - Der Förderverein zur Kultur- und Denkmalpflege hatte am Sonntag zu einem Kammerkonzert in das Heidehotel Lubast eingeladen. Aber leider konnte das versprochene Debüt des neuen Kammermusikduos, Gerald Fauth am Klavier und der Soloflötist des MDR-Sinfonieorchesters Christian Sprenger, in dieser Besetzung wegen einer Handverletzung des Pianisten nicht stattfinden.
Christian Sprenger, ein Flötist, auf den das MDR-Sinfonieorchester stolz sein kann, hatte aber unter der Maßgabe, das angekündigte Programm trotzdem zu spielen, in Silke Peterson eine wunderbar kongeniale Pianistin als Ersatz in Leipzig gefunden. Beide erwiesen sich wie ein lang aufeinander eingespieltes Duo, bei dem jedes Detail stimmte. Ob in der Es-Dur-Sonate Bachwerke-Verzeichnis 1013 von Johann Sebastian Bach, die heiter mit einem achttaktigen Klaviersolo beginnt und ein bezauberndes Siziliano hat, oder in der Sonate op. 167, genannt "Undine", von Carl Reinecke, der 35 Jahre Chefdirigent des Leipziger Gewandhauses war und dessen 100. Todestag wir
Generalanzeiger Bonn 23.06.2010
Prinz erteilt der Kaisertochter eine Lektion
FAZ, 19.06.2010
Aus Leipzigs großer Zeit der Musik VON TILMAN KRAUSE
Ein Stück aus der Mitte haben wir hier. 19. Jahrhundert in Reinkultur. Deutsch-musikalische Innerlichkeit von ihrer besten, herzerwärmenden Seite. Carl Reinecke ist der Mann, der uns derlei beschert. Er lebte von 1824 bis 1910. Wer nunmehr fragt, wer das war, muss sich nicht schämen. Über den Komponisten und langjährigsten Kapellmeister, den das legendäre Leipziger Gewandhausorchester jemals hatte, ist die Zeit hinweggegangen. Seine Kompositionen, die sogar ihrem Schöpfer, wie wir hier erfahren, nicht besonders bedeutsam vorkamen, gemessen an den Hervorbringungen eines Mendelssohn und Schumann eines Liszt und Brahms und sogar Ferdinand Hiller, die er allesamt liebevoll porträtiert, seine Kompositionen - also sie werden schon lange nicht mehr gespielt. Aber sein Andenken als Orchesterleiter wird in Leipzig offenbar noch hochgehalten. Und nun hat der rührige, dort ansässige Lehmstedt Verlag Reineckes Lebenserinnerungen herausgebracht.
"Was mich beglückt und was ich hab' erlitten, / Ich schreib's ohn Kunstgepränge, schlicht und wahr." So heißt es in einem dieser Autobiografie vorangestellten Gedicht. Das Bekenntnis zu Schlichtheit, Bescheidenheit und Demut vor der "holden Kunst" durchzieht das ganze Buch. Es folgt getreulich den Lebensstationen des Verfassers, die ihn von seiner Geburt im damals noch zu Dänemark gehörenden Altona über Kopenhagen sowie dann Bremen, Paris, Köln, Barmen und Breslau schließlich 1860 dauerhaft nach Leipzig führen. Es sind diese Jahre vor der Reichseinigung von 1871, die vor allem bei Reinecke lebendig werden, mit ihrem sich internationalisierenden Konzertbetrieb zum einen, aber auch mit ihrem hohen Ideal humanistischen Kulturverständnisses zum anderen. Wie weit liegt diese Zeit, da man an die Einhegung der barbarischen Impulse durch die versöhnende Macht der Musik glauben konnte zurück - und wie nah ist sie uns andererseits noch als ein Vorschein jener Utopie vom friedlichen Verein der Menschen, die ja noch immer unsere Maßstäbe bestimmt. "Sprich aus der Ferne, heimliche Welt. / die sich so gerne zu mir gesellt", möchte man mit Brentano Seite um Seite bei der Lektüre ausrufen. Denn sie bereichert uns kulturhistorisch, doch auch rein menschlich.
Carl Reinecke: Erlebnisse und Bekenntnisse. Lehmstedt, Leipzig. 347 S., 24,90 EUR
Reineckes Hausgötter stehen. Und Elgar hätte bestimmt allzu gern bei ihm studiert in Leipzig. Aber was hilft derlei dramaturgische Rechtfertigungsfolklore dem Andenken des Vernachlässigten? Eben.
Immerhin legt sich sein Orchester mit rauschenden Farben, strahlenden Linien und einiger Virtuosität ins Zeug für den Chef mit der bis dato längsten Dienstzeit. Doch auch davon verpufft zu viel in der pauschalen Beliebigkeit, die Gérard Korsten am Pult mehr verwaltet als gestaltet. Ausladend und verspannt schlägt der, wenig ökonomisch und vor allem viel zu kleinteilig für den Fluss dieser Musik. Und für den Rest auch: Haydns 94. Sinfonie versandet in kultivierter Wohlanständigkeit, die an jedem Satzanfang ins Schwimmen gerät und es sogar schafft, den berühmten Paukenschlag verschämt im Tuttischlag des Orchesters zu verstecken. In Mendelssohns sinfonischem Erweckungswerk bietet ihm das Gewandhausorchester alles Erdenkliche - und doch klingt das Opus 11 des späteren Reinecke-Vorgängers abgesehen von einigen betörenden Momenten im Andante und im Trio des Menuetts auch nicht anders als ein etwas fetter mittlerer Haydn.
Bei Elgar schließlich, dessen dunkelwarme Farben dem Gewandhausorchester wie auf den Leib instrumentiert scheinen, zirkelt Korsten zackig die Taktzeiten ab und überlässt es ansonsten den Musikern um Konzertmeister Frank Michael Erben, auf die fabelhafte Hecker und ihre unprätentiöse Innerlichkeit zu reagieren.
Weil das Gewandhausorchester ein exzellentes ist, ist das Ergebnis durchaus hörenswert. Aber auch hier hätte weitaus mehr drin gesteckt in diesem Donnerstagabend der vertanen Chancen.
Peter Korfmacher
dieses Jahr begehen - in der Interpretation der Werke ließen die Künstler durch hervorragende technische Abstimmung und berührende, musikalische Hingabe keine Wünsche offen. Ebenso überzeugend war die von dem bekannten Schweizer Flötenvirtuosen Peter-Lukas Graf gesetzte emotional geladene romantische Violinsonate in A-Dur von Cesar Franck.
Der Dank des begeisterten Publikums nach zwei Zugaben: lang anhaltender Applaus.
Die Liebhaber Konzerte im Heide-Hotel können sich nun freuen auf einen der bedeutendsten Geiger Deutschlands: Professor Heinz Schunk, Träger des Bundesverdienstkreuzes, wird am 16. Mai gemeinsam mit der Pianistin Anika Inagawa in Lubast erwartet. Und die Juni-Veranstaltung bildet den Auftakt für das Gemeinschaftsprojekt des Fördervereins mit der Musikhochschule Weimar.
Einmal im Jahr gibt der Verein künftig herausragenden Studenten die Möglichkeit, ihr Können zu zeigen. Den Anfang machen ein Gitarrenduo, eine Saxophonistin und -eine Pianistin.
Auskünfte zu den einzelnen Veranstaltungen erhalten Interessierte unter Telefon 03491/87 55 49.
Kieler Nachrichten
19.06.2010
Leipziger Volkszeitung
28.06.2010
Kieler Nachrichte 7/2010
Ehemalige Leuchten des Nordens • Vortragskonzert zu Reinecke und Woyrsch in der Landesbibliothek
Von Christian Strehk
Kiel. Die Schleswig‑Holsteinische Landesbibliothek (LBSH) durch Sparüberlegungen der Landesregierung komplett in Gefahr zu sehen, müsste eigentlich jeden einigermaßen geschichtsbewussten Einwohner auf die Palme treiben. Der blanke Sarkasmus in der Begrüßung zum traditionellen Kieler‑Woche‑Konzert durch den Leiter Dr. Jens Ahlers ist da keineswegs fehl am Platze. Zwar ließe sich das kulturgeschichtliche Gedächtnis des deutsch‑dänischen Nordens auch anderswo aufbewahren ‑ aber doch nicht mehr vorrangig pflegen und auswerten, wie das in Kiel erfolgreich geschieht.
Das bestens besuchte, von der Landeshauptstadt geförderte Konzert im Sartori & Berger‑Speicher gab, eingebettet in die entsprechende Doppel-Ausstellung um die Komponisten Carl Reinecke (1824‑1910) und Felix Woyrsch (1860‑1944), einen lebendigen Eindruck von Musikgeschichte mit holsteinischem Bezug. Reinecke, im damals noch nicht zu Hamburg gehörigen Altona geboren, später dänischer Hofpianist und vor allem langjähriger Gewandhauskapellmeister in Leipzig, findet mit seinem Schaffen in Kiel seit langem besondere Beachtung ‑ vor allem durch Dr. Ute Schwab, ehemalige Leiterin der LBSH‑Musikabteilung. Sie bereitet ein Werkverzeichnis vor und moderierte stimmig die Aufführung des 1864 gedruckten Klavierquintetts A‑Dur op. 83 an.
Wo die anspruchsvollen Tücken des 1864 gedruckten Werkes liegen, offenbarten dann die Hamburg Chamber Players: in einer sauber durchgehörten Intonation der hochromantisch changierenden Harmonik und in pointiert platzierten rhythmischen Widerhaken („Intermezzo“!). Alles andere ist schwungvolle (und auch schwungvoll gespielte) Kammermusik eines konservativen Könners aus der allemal beachtenswerten zweiten Reihe hinter Mendelssohn, Schumann und Brahms.
Felix Woyrsch ist schon aufgrund seiner spätromantischeren Position der komplexere, vergrübeltere Komponist. Sein inniges Albumblatt op. 22 (schön gespielt von Ian Mardon, Violine, und Yuko Hirose, Klavier) erschien dann harmlos gegen das c‑Moll‑Klavierquintett op. 66, das spukhaft und grimmig an den Rändern der Tonalität herumbohrt. Eine verteidigende Abgrenzung gegen die Moderne der Wiener Schule, wie der Woyrsch‑Anwalt Andreas Dreibrodt sie mit höchst anfechtbaren Einordnungen von Schönberg und Lena Meyer‑Landrut vornimmt, hat der Städtische Musikdirektor von Altona aber nicht nötig. Wohl aber seine angemessene Betreuung durch eine intakte Landesbibliothek.