CARL REINECKE

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Reinecke Musikverlag

CARL REINECKE – BIOGRAPHISCHER NACHTRAG FÜR DIE ZEIT VON SEINEM AMTSANTRITT 1860 BIS ZU SEINEM TOD 1910

"Der Musiker wirkt gar nicht geschönt, er blickt ernst, ein wenig müde, doch aufmerksam und gütig [...]."

So heißt es in einer Beschreibung des 1893 von Anton Klamroth gezeichneten Porträts, das Carl Reinecke zwei Jahre vor seiner Entlassung darstellt. Reinecke hatte nicht nur beruflich als Dirigent, Komponist, Pianist, Konservatoriumslehrer und Musikschriftsteller anstrengende Lebensjahre hinter sich. Private Schicksalsschläge waren zu seinem ohnehin schon schweren Alltagsleben seit 1860 hinzugekommen. Kurz vor dem Amtsantritt in Leipzig verlor Reinecke seine erste Frau Betty Hansen, die er 1852 geheiratet hatte: "Es war der erste große Schmerz in meinem Leben. Ihre letzten Worte 'du hast mich unaussprechlich glücklich gemacht' waren wohl schöne Worte, aber es waren ihre letzten!"
Während des ersten Leipziger Jahres kümmerte sich Reineckes Halbschwester Mathilde um die drei Kinder. Doch nach dem Weggang der Schwester gestaltete sich die Situation für den Kapellmeister als unerträglich: "Die Verhältnisse in meinem Hause wurden mit der Zeit unerfreulich. Meine Schwester Mathilde, die mir anfangs in Leipzig mein Hauswesen geleitet und für die Kinder gesorgt hatte, mußte wieder ins Elternhaus zurückkehren, weil die Eltern ihre Kraft nicht länger entbehren konnten. Durch meinen Beruf war ich gezwungen, oft halbe Tage und länger aus dem Hause zu sein, so daß die Kinder zum großen Teile der Vorsorge der Dienstboten anheim gegeben waren. So glücklich ich in den sieben Jahren meiner ersten Ehe gewesen war, umso mehr ersehnte ich mir wieder ein ähnliches Glück und den halbverwaisten Kindern eine zärtliche Mutter."
Am 7. Oktober 1860, während des zweiten Abonnementkonzerts Carl Reineckes als Gewandhauskapellmeister, gab eine junge Sängerin aus Berlin, Charlotte Scharnke, ihr Debüt im Gewandhaus. Bereits im August 1861 wurde sie Reineckes zweite Frau: "Ein gütiges Geschick führte mir [...] Charlotte Scharnke zu. Die Verbindung mit ihr gereichte den Kindern wie auch mir zum Segen, da sie nicht allein herrliche Eigenschaften als Gattin und Mutter besaß, sondern auch Verständnis sowie Begeisterung für meine Kunst, eine Eigenschaft, die freilich für mich von höchster Bedeutung, ja, unerläßlich war. Sie selber war eine vortrefflich ausgebildete Sängerin, die öfters im Gewandhause gesungen hatte und für die ich u. a. die Konzertarie Mirjams Siegesgesang komponiert habe."
Aus der Ehe mit Charlotte Scharnke gingen zwei Töchter und zwei Söhne hervor. Die Brüder Franz und Carl leiteten später den Verlag Gebrüder Reinecke in Leipzig. Nach sieben Jahren Ehe, im Jahr 1868, starb auch Charlotte. Laut Topusov, der sich auf eine Aussage von Maria Reinecke, der zweiten Halbschwester von Carl beruft, starb sie bei der Geburt des Sohnes Franz.
Reineckes Schwägerin, die ältere Schwester seiner zweiten Frau, führte von nun an den Haushalt, jedoch kam es erneut zu unüberwindlichen Schwierigkeiten: "Sie war eine gute Frau und waltete ihres Amtes nach bester Einsicht, aber vermochte dennoch nicht, mir Haus und Leben angenehm zu machen, zunächst, weil sie mir in fast krankhafter Weise in Allem und Jedem opponierte, den Kindern gestattete, was ich verboten hatte. Im Hause der hochbetagten Eltern war sie als älteste Tochter gewöhnt worden, ein unbeschränktes Regiment zu führen und konnte sich jetzt absolut nicht darein finden, den Ansichten und Wünschen eines Anderen Rechnung zu tragen. Überdies stand sie auf einem ganz anderen Niveau wie ihre verstorbene Schwester und verstand durchaus nicht zu repräsentieren, was in meinem Hause, in dem so viele bedeutende Künstler verschiedenster Nationen ein- und ausgingen, unerläßlich war. Infolgedessen brachte sie mich nicht selten in peinliche Situationen. Da sie aber bei alledem eine herzensgute Frau war, mußte ich mich stillschweigend in's Unvermeidliche schicken."
Im Jahr 1872 heiratete Reinecke zum dritten Mal. Interessant ist das entsprechende Zitat aus der Autobiographie, das im Dresdner Exemplar fehlt, aber bei Topusov zu lesen ist, dem – wie bei der Beschreibung der Quellenlage erwähnt – weder das Dresdner noch das Hamburger Exemplar vorlag: "Nachdem ich ganze vier Jahre unter dem Regime meiner alten Schwägerin gelebt hatte, durfte ich mich endlich wieder einer glücklichen Häuslichkeit erfreuen, denn Du, für die ich diese Blätter schreibe, und mit der ich nun über 30 Jahre vereint bin, wurdest meine Frau! Ich brauche also über diese Wendung in meinem Lebensgange kein Wort zu verlieren [...]."
Bereits in einem Brief vom 4. April 1872 aus London hatte der 47jährige Reinecke an seine Eltern geschrieben: "Ich sehe jetzt wieder mit froher Zuversicht einer glücklichen Zukunft entgegen, denn am gestrigen Tage habe ich mich mit Margarethe Schifflin aus Crefeld verlobt. Dass ich sie für ein Mädchen von seltener Vortrefflichkeit halte, brauche ich nicht erst zu sagen, denn Ihr kennt mich genug, um zu wissen, dass ich mich nicht durch Schönheit oder Reichtum zu einem Schritte würde verleiten lassen, bei dem ich ebenso an das Wohl meiner Kinder, wie an mich selbst zu denken habe."
Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor, so daß Carl Reinecke während seiner drei Ehen insgesamt Vater von neun Kindern geworden ist. Zu Margarethe Reinecke sind sehr negative Äußerungen von Janacek überliefert, der das Auftreten von Reineckes dritter Frau in Konzerten als äußerst abstoßend beschrieb. Leider sind außer Reineckes Aussagen in der Autobiographie keine andere Quellen über Margarethe Reinecke bekannt, die klären könnten, ob Janaceks Charakterisierung zutreffend gewesen ist.
Außer seiner Tätigkeit als Dirigent, Komponist, Pianist, Konservatoriumslehrer und Schriftsteller unternahm Reinecke bis zu seiner Entlassung 1895 mehrere Konzertreisen, vorausgesetzt, sie wurden ihm gestattet. Darüber hinaus nahm er an wichtigen Beratungen teil, etwa 1885 an der Stimmtonkonferenz in Wien. So war er maßgeblich an der Festsetzung eines einheitlichen Stimmtons beteiligt.
Noch vor seiner Entlassung hatte Reinecke zahlreiche Ehrungen erhalten. So wurde er 1884 zum Ehrendoktor der Universität Leipzig ernannt, 1885 zum Königlich Sächsischen Professor und war Träger der Herzoglich-Sächsischen Medaille für Kunst und Wissenschaft. Enkel Günther Reinecke berichtet, daß Reinecke diese Auszeichnungen nur sehr ungern entgegennahm.
Nach der Entlassung 1895 fand Reinecke Zeit für ausgedehnte Konzertourneen als Pianist. Allerdings wollte er nach seiner Pensionierung am Konservatorium 1902 von diesen Auftritten allmählich Abstand nehmen, da er befürchtete, nicht mehr den qualitativen Anforderungen zu genügen: "Hatte ich nun meine beiden Stellungen als Dirigent und Lehrer aufgegeben, so verblieb ich doch immerhin noch als Klavierspieler in der Öffentlichkeit für einige Jahre, machte aber nach einiger Zeit auch hiermit ein Ende, weil ich meine Laufbahn als Pianist lieber zu früh als zu spät beenden wollte", "um nicht der Welt das traurige Schauspiel eines im Verfall begriffenen Künstlers zu geben".
Erfolgreiche Auftritte des Pianisten Reinecke im Gewandhaus, das er seit 1895 weitgehend gemieden hatte, sind noch von 1904, 1906 und 1909 bekannt. So meldete ein Rezensent der Zeitschrift Signale zur 4. Kammermusik am 30. Januar 1904: "Diesem Abend gab Carl Reinecke durchaus die Signatur. Der greise Musiker, der bald ins achtzigste Lebensjahr tritt, führte selbst sein letzterschienenes Werk, das [...] A-Dur-Trio op. 264 [...] in die grosse Oeffentlichkeit. Es ist meines Wissens das erstemal, daß Reinecke nach seinem Abgange vom Gewandhaus wieder in demselben mitwirkte; als er das Podium betrat, erhob sich ein kolossaler, bei Erscheinen eines Künstlers ganz ungewöhnlicher Beifall, der nach dem Vortrag des Trios Dimensionen annahm, wie man ihn nicht oft erlebt und der unzweideutig zeigte, welch' reiche Sympathien Leipzigs Altmeister hier immer noch genießt. [...] Die Ausführung war vorzüglich. Reinecke spielte so jugendfrisch, mit solcher Leichtigkeit, daß man nur bedauern kann, wenn sich Reinecke als Kammermusikspieler so selten mehr hören ließ. Lernen können alle noch von ihm."
Zum selben Konzert konstatierte ein Kritiker in der Zeitschrift Die Musik: "[...] die Überraschung eines Wiederbegegnens mit Karl Reinecke, der vom Publikum mit verehrungsvoller Begeisterung begrüßt wurde. Prof. Reinecke spielte mit alter Meisterschaft den Klavierpart seines Trios op. 264 [...], in dem das Alter und die außergewöhnliche Liebenswürdigkeit des Leipziger Kunstveteranen gleichsam ihre musikalische Bestätigung finden. Wie fast alle Reineckesche Musik ist auch dieses Trio sehr sauber gearbeitet und hört sich gar liebenswürdig an [...]."
Zwei Jahre später, 1906, trat Reinecke mit seinem Schüler Fritz von Bose auf und spielte Mozarts Konzert für zwei Klaviere Es-Dur (KV 365). Reinecke hatte sich zwar schon kurz nach seinem Rücktritt am 3. August 1895 bereiterklärt, dieses Konzert im Gewandhaus aufzuführen, doch in der Presse hieß es: "Fr. v. Bose erwarb sich ein besonderes Verdienst, daß er [...] auch den alten Meister Karl Reinecke zu Vorträgen mit ihm auf zwei Klavieren veranlaßte."

Bis ein Jahr vor seinem Tod ließ er sich im Konzertsaal hören. Sein letzter Auftritt im Gewandhaus fand 1909 zum 150. Geburtstag von Mozart statt. So informiert Fritz von Bose, der mit seinem Lehrer auch in jenem Jahr zusammen musizierte, in einem Typoskript zum 100. Geburtstag Reineckes 1924. Er widerlegt damit die von Unger aufgestellte Behauptung, Reineckes letzter Auftritt sei bereits 1906 erfolgt. Werke des Komponisten Reinecke kamen nur noch gelegentlich zur Aufführung. Nicht bekannt ist, ob der einstige Gewandhauskapellmeister nach seiner Pensionierung 1895 noch einmal als Dirigent in Erscheinung trat. Dies dürfte angesichts der Art und Weise der Entlassung Reineckes eher bezweifelt werden.
Als Musiker war Reinecke nach 1895 noch anderweitig aktiv. Im Jahr 1898 nahm er an einem Treffen zu Urheberrechtsfragen teil, das am 30. September von Richard Strauss in Leipzig organisiert wurde. Daneben beteiligte er sich als Juror bei der Vergabe des Leipziger Paderewski-Preises für junge Komponisten.
Besondere Jubiläen, die nach Reineckes Entlassung zu Lebzeiten öffentlich begangen wurden, waren 1899 der 75. Geburtstag sowie 1904 der 80. Geburtstag und das 50jährige Dirigentenjubiläum. Dabei ist zu erwähnen, daß auch amerikanische Zeitschriften an den Jubilar erinnerten, wie z. B. der Boston Transcript 1904. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits einige Aufsätze Reineckes in den USA erschienen.
Über die Feiern zu Reineckes 80. Geburtstag 1904 berichteten die Leipziger Neuesten Nachrichten: Am Vorabend fand im Gewandhaus ein Festkonzert statt. Der Meister nahm die herzliche Begrüßung durch das Publikum innerlich sehr bewegt auf. Unter der Leitung von Hans Sitt erklangen im Anschluß Reineckes Sinfonie Hakon Jarl und die Manfred-Ouvertüre. Nach dem Konzert fand ein Festmahl im Restaurant Bonorand mit etwa 300 geladenen Gästen statt. "Der rüstige Jubilar mit dem durchgeistigten schönen Greisenantlitz war nach jeder Rede unermüdlich im Danken und Erwidern des freundlichen Zuspruchs."
Am Morgen des Geburtstages spielte die Kapelle des 106. Regimentes vor Reineckes Wohnung. Es erschienen Abordnungen der Stadt, des Gewandhauses und des Konservatoriums. Reinecke erhielt außerdem zahlreiche Glückwünsche aus verschiedenen Städten. Überreicht wurde ihm auch eine Büste des Bildhauers Carl Seffner, von der Grieg später hoffte, daß sie nicht neben seiner – ebenfalls von Seffner gefertigten - im Foyer des Gewandhauses Platz finde.
In der Sammlung Taut ist ein Brief Reineckes erhalten, in dem er dem Fest-Komitee für alle die ihm bewiesenen Ehrbezeugungen dankte und wiederum bescheiden meinte, daß die Güte des Komitees "wohl über das Maß dessen hinausgegangen ist, was ich verdient habe." Carl Reineckes 80. Geburtstag 1904 sollte das letzte Jubiläum sein, das zu Lebzeiten des Künstlers begangen wurde.
Reineckes Tod war über längere Zeit hin absehbar, wie Enkel Wolfgang Goetz berichtet: "Und dann kam einer jener Sonntag-Nachmittage, an denen er in seinem Hause Freunde zu versammeln pflegte und seine schönsten Konzerte gab. Er spielte mit von Bose die Bilder aus dem Osten [Schumann – d. Vf.] seines alten Meisters. Nach dem dritten Stück [...] stand er auf. Das Taschentuch wie immer in der Linken geknüllt. Aber sein Blick tastete sich nicht zurück zu uns, jener rührende Blick des immer Strebenden, ob er denn seine Sache auch gut gemacht habe. Sondern er sah etwas, und ich sah es auch. Es stand einer im Zimmer, der nicht zu Gast geladen zu werden pflegt. Man fragte, was sei. Eine Kleinigkeit am Finger, er könne nicht mehr spielen. Und wenig darauf plauderte er in einer Sofaecke graziös, und alle wussten, es war wirklich eine Kleinigkeit. Ein paar Tage darauf kam ich zum Abschiedsbesuch. Er sandte noch einen Blick auf den Besuch. 'Was soll ich noch, wenn ich nicht mehr Klavier spielen darf?' Gütige Entsagung und ein grosses Schweigen war um ihn."
Am 10. März 1910 starb Carl Reinecke morgens drei Uhr nach 14tägigem Krankenlager. Als Todesursache werden Influenza bzw. eine Lungenentzündung angegeben.
Noch am Todestag veröffentlichte die Konzertdirektion eine Traueranzeige und würdigte Reinecke als Persönlichkeit, die "mit echtem künstlerischen Erfolg den Gewandhaus-Konzerten vorgestanden und allezeit ein treuer Hüter und Mehrer der Ueberlieferungen des Gewandhauses gewesen ist".
Carl Reinecke wurde am 14. März auf dem Leipziger Südfriedhof beerdigt. Im Nachlaß befindet sich die Sterbeurkunde sowie das Typoskript der Grabrede. Ihr zugrunde lag ein Spruch aus den Seligpreisungen der Bergpredigt: Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen (Matth. 5,8). Nichts hätte wohl treffender Reineckes Persönlichkeit charakterisieren können.
In der neun Seiten umfassenden Rede am Sarg Carl Reineckes heißt es: "Wenn irgendetwas den Mann auszeichnete, so war es seine Herzensreinheit. Es wäre gewiss nicht im Sinne des Heimgegangenen, wollte ich ihm eine Lobrede halten [...]. Seine ganze Musik [...] trägt den Stempel seines Herzens: den des Reinen, Edlen und Zarten. Nicht etwa als wäre er ein schwacher, unbestimmter Charakter gewesen. Nein, er wusste was er wollte, auch als Künstler, er konnte seinen Standpunkt sehr nachdrücklich vertreten. [...] er hatte nicht bloß eine kindlich reine Seele, sondern er verstand auch die Kinderseele wie kaum ein anderer. [...] Er war nicht bloß ein edler Künstler, sondern auch ein liebenswürdiger Mensch. [...] Von seiner ehrwürdigen Gestalt ging immer ein Hauch des Edelmutes und des Friedens aus [...]. Er, der auf dem Gebiete der Kunst so viel Lorbeeren geerntet hatte, blieb der schlichte, bescheidene Mann, der sich am wohlsten im Kreis der Seinen fühlte. [...] Aber wenn auch die Goldharfe seines Gemütes zuweilen durch hässliche Eingriffe ungefüger Hände verstimmt wurde [...], er stimmte sie wieder rein, seine Seele fand das alte Gleichgewicht wieder, fand auch wieder den Sinn für feinen, edlen Humor [...]."
Einfühlsam nahm der Pfarrer zum Schluß seiner Rede Bezug auf Reineckes Zyklus Von der Wiege bis zum Grabe (op. 202) und hob hervor, welche Bedeutung die Träume der Kinderwelt für sein Schaffen besaßen: "Die Melodien ranken sich um die alte Choralweise [...] 'Wenn ich einmal soll scheiden [...]'. Und dann ganz zum Schluss erklingt wie aus höheren Sphären der Verklärung wieder das Motiv aus dem 1. Tonbilde, den Kindesträumen. Die Träume, die durch die Kindesseele zogen, wachen wieder auf – nun keine Träume mehr, sondern Tat und Wahrheit geworden [...], auch für den Mann mit der kindlich reinen Seele. Ad astra – das war die Signatur von Carl Reinecke's Musik, das darf auch auf seinem Grabstein stehen – ad astra!"
Im Abonnement-Konzert am 17. März, dem letzten der Saison 1909/10, erklang unter Nikischs Leitung Reineckes In memoriam (op. 128); im zweiten Teil wurde traditionsgemäß Beethovens 9. Sinfonie aufgeführt. Eine Gedächtnisfeier mit Kompositionen des Verstorbenen fand einen Monat später, am 10. April, im Kleinen Saal des Gewandhauses statt. Am Klavier spielte Reineckes Schüler Fritz von Bose. Das Konservatorium veranstaltete am 24. Juni, einen Tag nach dem Geburtstag des Komponisten, ein Gedenkkonzert. An seinem letztem Wohnhaus Querstraße 14, in dem er seit 1874 wohnte und das dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fiel, wurde eine Gedenktafel angebracht.
Während die Musikschriftsteller zu Reineckes Lebzeiten eine gewisse Zurückhaltung wahrten, wurde sein Wirken in den Nachrufen schon kritischer betrachtet. So schrieb Walter Niemann: "Man wird die starre Ueberzeugungstreue ehren, die ihn früh seine formalistisch-klassizistischen Ideale mit einem Zuschuß maßvoller Romantik finden und unbeirrt festhalten ließ. Wagner, Liszt, Berlioz und alles, was ihnen folgte, war ihm zuwider. Er dachte zu fein und zu klug, es offen anzufeinden; es war für ihn nicht auf der Welt. [...] zum Unheile Leipzigs, das in allem Wesentlichen den Anschluß an die neue Kunst zugunsten Münchens, Stuttgarts und Berlins versäumte, trotz Nikisch sind die Folgen dieses Regimes noch heute nicht abgewendet. Das muß zur Steuer geschichtlicher Wahrheit unumwunden gesagt werden."

Die letzten zwei Zeilen des Gedichts, das Erwin Bormann Carl Reinecke 1904 zum 80. Geburtstag gewidmet hatte, sollten sich im weiteren nicht uneingeschränkt bewahrheiten:

Freund und Förd'rer alles Schönen,
Der die Welt verklärt mit Tönen,
Mozarts größter Jünger du,
Glück und Heil ruf' ich dir zu.
[...]
Frohe Gegenwart gedenkt,
Was du, Guter, ihr geschenkt,
Keine Nachwelt wird vergessen,
Daß wir, Edler, dich besessen.
 
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