CARL REINECKE

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Reinecke Musikverlag

Carl Heinrich Carsten Reinecke(23.06.1824 Altona - 10.03.1910 Leipzig)

CARL REINECKE - BIOGRAPHISCHER ABRISS, PRÄGUNGEN UND ZEITEINFLÜSSE BIS ZU SEINEM LEIPZIGER AMTSANTRITT 1860

Carl Reinecke wurde am 23. Juni 1824 als Kind von Johann Peter Rudolf Reinecke (1795-1883) und Johanna Henriette Dorothea Wetegrove in Altona geboren. Der Vater selbst stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Gegen den Willen seiner Eltern ergriff J. P. R. Reinecke später den Beruf des Musiklehrers, nachdem sich bereits während des Besuchs der Armenschule seine Musikalität gezeigt und er daraufhin Violin- und Klavierunterricht erhalten hatte. Nach einer Anstellung als Hauslehrer von 1816 bis 1819 ließ er sich in Altona als Privatmusiklehrer nieder und gründete eine der wichtigsten Altonaer Orchestervereinigungen. 1844 wurde er nach Segeberg berufen und wirkte in dieser Stadt bis zu seiner Pensionierung 1869. Nach Altona zurückgekehrt, unterrichtete er noch zahlreiche Schüler und starb 1883, im Alter von 87 Jahren.
Der Vater mußte Carl Reinecke und seine um ein Jahr ältere Schwester Anna Johanna Elisabeth alleine großziehen, da die Mutter an Schwindsucht starb, als die Kinder vier und fünf Jahre alt waren. Sowohl Carl als auch Betty Reinecke charakterisierten später ihren Vater als sehr streng, der verdüstert war durch den frühen Tod seiner Frau. Jedoch kümmerte er sich sehr intensiv um Tochter und Sohn: "Er spielte mit den Kindern und machte mit ihnen Sonntagnachmittags Spaziergänge, erzählte Märchen und unterrichtete sie von frühester Jugend an in Lesen, Schreiben und Musik."
Da Carl die schwächliche Natur seiner Mutter geerbt hatte und der Vater meinte, Schulen seien nicht geeignet, Kinder zu "kräftigen, geistesfreien Männern heranzubilden", zog Johann Reinecke es vor, Privatunterricht zu geben. Neben dem Schulunterricht erteilte er seinen Kindern auch Musikunterricht, mußte jedoch auf die Entwicklung seines Sohnes besondere Rücksicht nehmen: "Carls bedenklicher Gesundheitszustand veranlaßte mich, einen planmäßigen Musikunterricht ein Jahr hinauszuschieben, erst seit seinem vollendeten fünften Lebensjahr erhielt er Unterricht. [...] Sein Musiktalent, welches sich später so schön entfaltete, schlummerte bis zum sechsten, siebten Jahre." Carls Schwester Betty schilderte sowohl den Ehrgeiz des Vaters als auch die Angst, welche er seinen Kindern einflößte: "Sein Lehreifer streifte hart an Fanatismus, ihm war am wohlsten, wenn er lehren konnte. [...] Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß wir schwere, traurige Stunden bei dem reizbaren Vater durchzumachen hatten. Ich vermuthe, daß er, gerade weil seine Kinder so leicht folgten, übertriebene Ansprüche an uns machte. Wie manches mal sagte er zu Carl: 'Willst Du nicht lieber Sackträger werden?', wenn ihm eine Arbeit nicht genügte. Wie oft haben wir schwierige Partituren, aus denen wir vom Blatte spielen mußten, versteckt, wenn die väterliche Stirn umwölkt erschien [...]."
Der Erziehungsstil des Vaters veranlaßte Reinecke später zu einer zentralen und nicht zu unterschätzenden Aussage: "Als Greis im Schmucke dichten Silberhaares, da ich selbst schon Vater war, gestand er mir mit Tränen in den Augen, daß er in unserer Erziehung manchen Fehler begangen habe, und in einem Punkte muß ich ihm noch heute Recht geben, durch seine Strenge und seine Gepflogenheit, meinen Willen zu brechen, auf daß ich seinen eigenen Willen als den allein gültigen anerkenne, hat er mich für mein ganzes Leben zu einer allzu weichen nachgiebigen Natur gemacht. Energie habe ich oft nur mir selbst gegenüber bewiesen, gegen Andere war ich oft zu meinem Schaden zu schwach.
Auch die gutgemeinte Absicht des Vaters, den Sohn "seinen Anlagen und körperlichen Kräften gemäß auf's Vorsichtigste nach und nach auszubilden", bedauerte Carl Reinecke später in seinen Erlebnissen und machte dem Vater gar zum Vorwurf: "Einen weiteren Grund zu diesem Defizit in meinem Charakter mag in dem Umstande zu finden sein, daß ich [...] nie in eine Schule geschickt worden bin [...] und somit nie Gelegenheit fand, mich an anderen Knaben zu reiben."
Die Äußerungen von Carl und Betty verdeutlichen, daß in der starken Dominanz des Vaters und in seinem autoritären Erziehungsstil ein wichtiger Ansatz liegt, um Reineckes (oft kritisierte) wenig energische Ausstrahlung zu begründen, die nicht nur sein Auftreten als Dirigent, sondern seine gesamte Persönlichkeitserscheinung betraf. Die zur Entwicklung notwendigen Konflikte mit der Außenwelt waren durch den Vater unterbunden worden und sollten durch die häusliche Sphäre, in der Gehorsam und Bevormundung zählten, 'kompensiert' werden. Dazu stellte ebenso Funck fest: "Die Anwendung oft übermäßig harter Maßnahmen gegen kleine kindliche Vergehungen kamen eher einer Erziehung zu willenloser Gefügigkeit gleich."
Obwohl Carl Reinecke später versuchte, sich mehr und mehr zu behaupten – beispielsweise gegenüber der Gewandhausdirektion bei den Antrittsverhandlungen –, machte er seinen Vorgesetzten oft so viele Zugeständnisse, daß letztlich deren Ansichten durchgesetzt werden konnten. Diese Ergebenheit und Erziehung zur Willenlosigkeit war gepaart mit meist übermäßiger Bescheidenheit, die Friedrich Brandes einmal als die "größte Schwäche" Reineckes bezeichnete.
Den hohen Leistungsanspruch des Vaters übernahm Reinecke bald als eigenen Wertmaßstab. So wollte er, nachdem er 1835 Clara Wieck und 1841 Franz Liszt als Pianisten gehört hatte, selbst die pianistische Laufbahn einschlagen. Daneben wurde ebenso das Komponieren für ihn eine wichtige Tätigkeit, und im Jahr seiner Konfirmation, 1839, erschien das erste Werk im Druck. Da der Vater verlangte, Carl solle sich den Lebensunterhalt selbst verdienen, war der Sohn darüber hinaus gezwungen, einer großen Zahl von Schülern Unterricht zu erteilen.
Reineckes Fähigkeiten als Pianist, Komponist und Pädagoge wurden durch den Vater demnach in doppelter Weise motiviert: Einerseits wirkte der Vater als Vorbild, der hohe Wertmaßstäbe setzte, andererseits übte er – in beschriebener autoritärer häuslicher Sphäre – Zwang auf seinen Sohn aus, bestimmte Fertigkeiten zu erwerben.
Die hohen Wertmaßstäbe des Vaters, die der Sohn übernahm, bewirkten im Laufe der Jahre auch, daß Carl mit der Ausbildung im Elternhaus und seinen bis dahin erworbenen Fähigkeiten immer unzufriedener wurde. Besonders seine kompositorischen Leistungen genügten ihm bald nicht mehr: "Wenn ich mich an eine Komposition größeren Stils wagte, so tastete und suchte ich wie im Halbdunkel und ließ mich von meinen Gedanken leiten anstatt sie zu beherrschen."
Obwohl der Vater gegen ein Studium sprach, plante Reinecke, nach Leipzig zu gehen, denn es "zog ihn mit [...] geheimnisvoller Macht die Musikstadt Leipzig selbst an, wo zahlreiche Künstlerpersönlichkeiten lebten oder zusammentrafen [...]", und es gelang ihm, sich gegen den Willen des Vaters durchzusetzen. Den ersten Studienaufenthalt in Leipzig von 1843 bis 1846, der durch ein Stipendium des dänischen Königs Christian VIII. unterstützt wurde, nutzte Reinecke, um sich als Komponist, aber auch als Pianist weiterzuentwickeln. Der damalige Gewandhauskapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy ermöglichte dem jungen Künstler öffentliche Auftritte. Sein Debüt als Pianist im Gewandhaus gab Reinecke am 16.11.1843.
Während seines ersten Aufenthaltes in Leipzig spielte neben Mendelssohn, dessen Klavierspiel und Auftreten als Dirigent Reinecke bewunderte, auch Robert Schumann eine wichtige Rolle. Die Begeisterung für die Kompositionen dieses Meisters hatte Reinecke unabhängig von der musikalischen Prägung durch den Vater entwickelt, denn für Schumann fand Johann Reinecke nur wenig Interesse. Schon auf dem Weg nach Leipzig, in Magdeburg, hatte Carl spontan den Vorsatz gefaßt, "für die Verbreitung Schumann'scher Werke Alles zu tun, was in meinen schwachen Kräften stand". In Leipzig gründete Reinecke mit seinem späteren Biographen Joseph Wilhelm von Wasielewski, damals ein Schüler des Konservatoriums, und anderen Studenten ein Streichquartett und machte sich während der drei Jahre ebenso außerhalb der Musikstadt um die Aufführung Schumannscher Werke verdient.
Hatte Reinecke nach seinem ersten Studienaufenthalt in Leipzig wichtige Erfahrungen sammeln und mit bedeutenden Musikern, wie Mendelssohn und Schumann, in Kontakt treten können, war es dem Vater auch nach Ende der dreijährigen Studienzeit seines Sohnes nicht möglich, Carl "als erwachsenen Sohn und immerhin etwas gereiften Künstler zu betrachten." Auch wenn Reinecke schon mehr Eigenständigkeit und Selbstbewußtsein außerhalb der väterlichen Einflußsphäre hatte gewinnen können, fiel er zu Hause gegenüber dem Vater in frühere Verhaltensmuster zurück: "So wurde es mir oft schwer, mich seinen noch immer sehr paradoxen Aussprüchen und apodiktischen Behauptungen gegenüber schweigsam zu verhalten. Widerspruch konnte er nicht

vertragen, und wenn ich [...] es wagte, meine entgegengesetzten Ansichten in respektvoller Weise geltend zu machen, so endete die Unterredung dennoch fast immer in einer Weise, daß ich mir vornahm, hinfort von jedem Widerspruch abzusehen."
Ungeachtet dieser fehlenden Selbstbehauptung und der vorhandenen Selbstunsicherheit hatte Reinecke während der Leipziger Zeit von 1843 bis 1846 seine Fähigkeiten als Komponist und vor allem als Pianist so weiterentwickeln können, daß ihm 1847 in Kopenhagen eine erste feste Anstellung angeboten wurde. Doch diese Tätigkeit als Hofpianist fand bereits 1848 durch die politischen Auseinandersetzungen zwischen Dänemark und den Herzogtümern Schleswig und Holstein wieder ein Ende.
Seinem guten Ruf als Pianist verdankte Reinecke, daß ihn im Herbst 1848 der neue Gewandhauskapellmeister Julius Rietz, Mendelssohns Nachfolger, "in einer sehr schmeichelhaften Weise aufforderte, meinen Wohnsitz wieder in Leipzig zu nehmen". Während seines zweiten Leipziger Aufenthaltes, der diesmal nur ein Jahr – von 1848 bis 1849 – währte, hatte Reinecke neben zahlreichen Auftritten als Pianist und dem Musizieren mit Freunden Gelegenheit, Franz Liszt persönlich kennenzulernen. Der Geiger H. W. Ernst hatte seinen Freund Reinecke veranlaßt, mit nach Weimar zu reisen, um Franz Liszt zu besuchen, den Reinecke zwar als Pianisten schätzte, als Komponisten jedoch ablehnte.
Da die Verhältnisse in Leipzig in finanzieller Hinsicht für den Pianisten Reinecke nicht sehr erträglich waren, beschloß er, Ende 1849 nach Bremen zu ziehen. Hier konnte er sich erstmals als Orchesterkomponist und Dirigent näher erproben. Liszt, der bereits im Juli 1849 in dem Pariser Journal La Musique einen sehr wohlwollenden Artikel über Reinecke veröffentlicht hatte, "der mir die Wege bahnen sollte", unterstützte ihn nun durch ein Empfehlungsschreiben an Hector Berlioz in Paris.
In der französischen Metropole traf Reinecke ebenso Ferdinand Hiller, den er bereits während des ersten Leipziger Aufenthaltes kennengelernt hatte, da Hiller damals die Leitung des Gewandhausorchesters mit Mendelssohn teilte. Hiller, mit dem ihn eine lange Brieffreundschaft verbinden sollte, nahm in Paris sofort die Gelegenheit wahr, Reinecke an seine eigene Wirkungsstätte, das Kölner Konservatorium, zu berufen.
Dadurch gelangte Reinecke 1851 zu einer ersten offiziellen Anstellung als Musikpädagoge. Das geregelte Einkommen nach den Jahren der Wanderschaft erlaubte ihm nun auch, einen festen Hausstand zu gründen, so daß er 1852 die von ihm lange verehrte Betty Hansen heiraten konnte. Während der Zeit in Köln pflegte Reinecke besonders das freundschaftliche Verhältnis zu Schumann im nahe gelegenen Düsseldorf und traf in dessen Haus auch den jungen Johannes Brahms.
In den Folgejahren verlagerte sich der Schwerpunkt von Reineckes künstlerischem Schaffen eindeutig auf die Tätigkeit als Dirigent. 1854 nahm er die erste feste Anstellung als Kapellmeister in Barmen an und lernte dort bereits, mit schwierigen Probenbedingungen auskommen zu müssen. Nach Leipzig zog es ihn jedoch immer wieder, "um an den ausgezeichneten Leistungen des Orchesters zu lernen und damit ich nicht Gefahr liefe, mich in eine gewisse Selbstzufriedenheit einzuwiegen". Noch umfangreichere Aufgaben als in Barmen hatte Reinecke als Dirigent in Breslau zu bewältigen, als er im Mai 1859 dort eine Stelle als Musikdirektor annahm.
Im selben Jahr bot sich Carl Reinecke die Stellung seines Lebens. Als am 7. November 1859 Hofkapellmeister Carl Gottlieb Reißiger in Dresden gestorben war und Gewandhauskapellmeister Julius Rietz zu dessen Nachfolger berufen wurde, mußte das Amt am Leipziger Konzerthaus neu besetzt werden. Die ersten Antrittsverhandlungen zwischen Reinecke und der Gewandhausdirektion erfolgten im Mai 1860.
Bis zu diesem Zeitpunkt spielte der Vater noch immer eine tragende Rolle. Sogar in der Autobiographie war Reinecke noch der Überzeugung, ihm – dem Vater – und nicht seinen eigenen Fähigkeiten dieses Amt verdanken zu müssen: "Sein Talent und sein nur auf's Edle und Ideale gerichteter Sinn hat ihn und uns, seine Kinder, hoch über die Sphäre hinausgehoben, in der er geboren war, wofür wir ihm nie dankbar genug sein können. Wenn es mir später im Leben so wohl wurde, daß ich 35 Jahre an der Spitze eines der ersten Konzert-Institute Deutschlands stehen durfte, daß ich mich der Zuneigung vieler weltberühmter Künstler erfreuen konnte [...], so verdanke ich das meinem Vater".
Der Einfluß des Vaters auf künstlerischem Gebiet erstreckte sich jedoch nicht allein in rein praktischer Hinsicht auf die pianistischen und kompositorischen Fähigkeiten seines Sohnes, sondern zugleich auf dessen ästhetischen Ideale. In der Liebe zu den Werken von Haydn, Mozart und Beethoven und in der Verehrung der Pianisten Johann Nepomuk Hummel, Louis Spohr und Ignaz Moscheles, trafen sich beide in ihren Überzeugungen. "Dagegen übertrug er [der Vater – d. Vf.] seine Abneigung gegen Gluck sowie die alten und neuen Italiener mit voller Wirksamkeit auf den Sohn." Da Johann Reinecke besonders die theoretischen Werke des 18. Jahrhunderts seinem Unterricht zugrunde gelegt hatte, blieb Carl Reinecke der moderne Geist des 19. Jahrhunderts (z. B. ästhetische Positionen von Jean Paul oder E. T. A. Hoffmann) vorerst verschlossen, obwohl der Vater hier auch Zugeständnisse machte.
Erst mit dem Verlassen des Elternhauses, dem Beginn seiner Studienzeit 1843 und in den folgenden Jahren, hatte sich Carl infolge persönlicher Bekanntschaft mit wichtigen Musikern allmählich von einigen ästhetischen Idealen des Vaters lösen können, wie bezüglich Schumann bereits dargestellt wurde. Im Gegensatz zu seinem Vater kam Reinecke mit den modernen Musikströmungen der Zeit in Berührung. Dabei konnte jedoch auch Carl einen gewissen Horizont nicht überschreiten, wie beispielsweise seine Bewertung der Musik von Berlioz, mit der er – von Bremen aus nach Paris gereist – in Berührung kam, zeigt. In einem an den Vater gerichteten Brief offenbarte der spätere Gewandhauskapellmeister bereits deutlich seine musikästhetische Position.
Noch weniger gelang es Reinecke, die charakterlichen Schwächen, die der dominanten Rolle seines Vaters geschuldet waren und die sich Carl als "Defizit in meinem Charakter" selbst zugestanden hatte, zu überwinden. Welche Folgen für sein Schaffen diese prägende Beziehung zum Vater hatte, verdeutlicht folgende Schilderung Carl Reineckes: Aus Angst vor dem Vater nach dem Platzen einer Klaviersaite sei er als Kind einmal in einen Tagtraum verfallen, in dem er nach eigenen Worten "die ganze wunderbare Zauberwelt geschaut". Und weiter heißt es: "[...] die Erinnerung daran hat mich mein Leben lang nicht verlassen." Die Märchenwelt erschien Reinecke wohl als ein Reich der Sicherheit, in das er als Kind vor dem väterlichen Zwang und als Erwachsener vor den Problemen, mit denen er konfrontiert wurde, fliehen konnte.
So wird erklärbar, weshalb Reinecke, der sich sein Leben lang weich, nachgiebig und bescheiden gab, immer wieder in die Welt der Kinder eintrat – ob nun als Komponist, Schriftsteller oder Pädagoge. Gerade diese Seite wurde von vielen Zeitgenossen als besonders wertvoll hervorgehoben, so sehr sein wenig temperamentvolles Auftreten als Dirigent, teilweise auch als Pianist, kritisiert wurde. Die in Reineckes Kindheit zu suchenden Ursachen dieser charakterlichen Ambivalenz fanden bisher nur ungenügende Beachtung.
Robert Schumann äußerte später einmal, daß Carl Reinecke, um in der Kunst Fortschritte erzielen zu können, mehr Selbstvertrauen gewinnen müßte: "Nein, lieber Reinecke. Man muß sich immer die höchsten Aufgaben stellen, wenn man nicht die höchste Stufe erstrebt, wird man auch die nächst hohe nicht erklimmen; ich selber habe mich früher viel zu sehr in kleiner Münze ausgegeben."
An diese Worte Schumanns erinnerte sich Reinecke, als ihn Zweifel befielen, ob er der ihm angebotenen Stellung am Leipziger Gewandhaus auch gewachsen wäre und ob er "die berühmten Konzerte auf ihrer Höhe würde erhalten können". Reinecke, "der [...] als Junge Stunden für 30 Pf. gegeben hatte", dem "Leipzig mit seinen Gewandhauskonzerten [immer] als Eldorado erschienen war" und der Breslau nach dem Tod seiner ersten Frau gerne verlassen wollte, erkannte bei seinem Entschluß den Wert dieser Äußerung Schumanns. Er fühlte sich dadurch ermutigt, das Amt des Gewandhauskapellmeisters in Leipzig letztlich doch anzutreten:
"Es gibt Worte, die man nie vergißt, wenn man sie einmal gehört hat [...]. Sie wirkten [...] auf meinen Entschluß, und so gelangte ich auf die letzte Etappe meiner Laufbahn als Dirigent. Hätte ich damals ahnen können, daß ich 35 Jahre in dieser Stellung verharren würde, die längste Zeit, die je Einer in ihr verblieb, wäre ich mit weniger Bangen nach Leipzig übergesiedelt."

aus Katrin Seidel: "Carl Reinecke und das Leipziger Gewandhaus" Hamburg 1998
(ISBN 3-928770-84-5)
Nachweise der Zitate finden Sie in genannter Publikation

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